Mrz 23, 2020
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Brennpunkt Unternehmensschulden

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Existenzkrise eines maroden Systems

Ob Dotcom-, Immobilien- oder Liquiditätsblase: die Blasenbildung auf den Finanzmärkten wirkt immer als ein systemischer Transmissionsriemen zur Generierung weiterer Schuldenberge, da der Kapitalismus aufgrund der ungeheuren Produktivitätsfortschritte der letzten Dekaden seinen Verwertungskreislauf in der Warenpruduktion nur noch durch kreditfinanzierte Nachfrage aufrechterhalten kann.

Das kapitalistische Weltsystem scheitert auf globaler Ebene letztendlich an seiner eigenen Vorgabe der “Rentabilität”, da es zu produktiv für sich selbst geworden ist. Das System kann folglich nur noch auf Pump laufen, weil ohne diese Verschuldungsdynamik – also den Vorgriff auf künftige Verwertung von Kapital – deflationäre Abwärtsspiralen einsetzen, wobei es egal ist, ob nun der Staat, die Privathaushalte, oder die Wirtschaft kreditfinanzierte Nachfrage schafft.

Die bürgerliche Politik befindet sich somit in einer Krisenfalle, da sie als Getriebene der eskalierenden inneren Widersprüche des Kapitals nur versuchen kann, diesen absurden Schuldenturmbau möglichst lange aufrechtzuerhalten, um den totalen Absturz zu verhindern.

Tatsächlich ist der globale Schuldenberg auch nach dem Platzen der transatlantischen Immobilienblasen 2007/08 in den USA und Europa munter weitergewachsen. Die Financial Times bezifferte in einem längeren Hintergrundbericht die Summe der globalen Schulden auf die Kleinigkeit von rund 253 Billionen US-Dollar, was einen historischen Höchstwert darstelle – bei Ausbruch der Schuldenkrise 2008 summierten sich die Schulden der kapitalistischen One World auf rund 170 Billionen US-Dollar.

Wachsende Schulden sind bei einer wachsenden Wirtschaft eigentlich kein großes Problem, solange sie nicht schneller wachsen als das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Doch gerade dies ist seit den 1980er Jahren des 20. Jahrhundert der Fall. Der Schuldenberg des kapitalistischen Weltsystems wächst viel schneller als die Weltwirtschaftsleistung – aus den oben genannten Gründen.

Derzeit umfasst die Gesamtverschuldung rund 322 Prozent des Weltwirtschaftsprodukts, bei Ausbruch der Finanzkrise 2008 waren es weniger als 300 Prozent, zu Beginn des 21. Jahrhunderts lag dieser Wert bei rund 260 Prozent. Der Spätkapitalismus wächst somit nicht heraus aus seinen Schulden, er wächst in sie immer weiter hinein – was der zuverlässigste Indikator für die skizzierte Systemkrise ist.

2000 waren es Hightech-Aktien, 2008 Immobilien – wo droht dem beständig wachsenden, globalen Schuldenturm diesmal der Einsturz?

Der wahrscheinlichste mittelfristige Brennpunkt der sich nun entfaltenden Schuldenkrise bilden die Unternehmensanleihen. Dies vor allem, weil die pandemiebedingten Produktionsstillegungen, die Einbrüche der Nachfrage und das partielle Einfrieren vieler globaler Lieferketten, die konkrete, warenproduzierende Wirtschaft sofort treffen – der weltweite Verwertungsprozess des Kapitals wird direkt gekappt.

Je länger die Stilllegung oder Einschränkung von Produktionskapazitäten dauert, desto dramatischer gestaltet sich die Lage. Das Interesse des Kapitals, seinen Verwertungsprozess aufrechtzuerhalten, kollidiert mit den Erfordernissen der Pandemiebekämpfung, die ja darauf abzielt, durch entsprechende Maßnahmen die Ansteckungsrate zu verlangsamen.

Ohne nennenswerte Rücklagen sind die betroffenen Konzerne auf Kredite angewiesen. Oder, schlimmer noch: Sie können ihren bereits bestehenden Verbindlichkeiten gegenüber den Banken und dem Finanzsektor nicht mehr nachkommen. Genau dies ist der Fall.

 

 

 

Fazit: Offensichtlich wird, dass der labile, von Grund auf marode Spätkapitalismus inzwischen unfähig ist, größere externe Schocks zu verkraften. Wochenlange Produktionsausfälle lassen das auf uferloses Wachstum geeichte System in eine existenzbedrohende Krise stürzen. Eine grundlegende Systemtransformation scheint – auch vor dem Hintergrund der eskalierenden Klimakrise – unabdingbar.

Am Beginn der voll einsetzenden Klimakrise, die eine Vielzahl unterschiedlichster externer Schocks mit sich bringen wird, gewinnt die Überführung des Kapitals in Geschichte, der Aufbau einer postkapitalistischen Gesellschaft, die den kommenden externen Schocks gewachsen sein wird, den Charakter einer Überlebensnotwendigkeit der menschlichen Zivilisation.

Feststeht schon jetzt, dass diese Pandemie die spätkapitalistische Gesellschaft, in der wir zu leben genötigt sind, grundlegend verändern wird. Es stellt sich nur die Frage, ob diese Veränderungen in eine progressive, emanzipatorische, oder in eine reaktionäre und autoritäre Richtung verlaufen werden.

Hier, beim Kampf um die Ausgestaltung dieser objektiv anstehenden Transformation, öffnen sich neue Kampffelder für progressive und emanzipatorische Kräfte, die dem Drang des in Agonie befindlichen Systems zu autoritärer Krisenverwaltung und Faschismus entgegenwirken müssen.

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